„Nossa pequena Alemanha“

Philipp und ich, zwei bis dato völlig Fremde (man mag es kaum glauben, aber das ist in Greifswald trotz gleicher Studienfächer offenbar möglich) treffen uns am 22. August in Berlin, steigen in ein Flugzeug Richtung Südamerika und landen nach einem knappen Tag Reisezeit zunächst in Rio de Janeiro (wo wir fast unseren Anschlussflug verpassen), dann im sehr viel überschaubareren Curitiba, wo wir schließlich von einem Fahrer und unserer Chefin und Gastmutter in Personalunion abgeholt und nach Pomerode gefahren werden.

Und genau dort leben wir seit fünf Wochen. In „Nossa pequena Alemanha“, unserem kleinen Deutschland. Die Landschaft erinnert eher an Süddeutschland, wir befinden uns in einem Tal, das eingeschlossen von zahlreichen Bergketten ist. Für uns Küstenkinder ein doch beeindruckender Anblick. Von ein paar Ausnahmen abgesehen, können wir uns hier auf Deutsch verständigen, obwohl wir des Öfteren von Pomerode-Kreationen, wie zum Beispiel „an den Fuß fassen“ für sticheln oder „puschen“ für ziehen überrascht werden. Es gibt Plätze, die nach Greifswald und Torgelow benannt sind und auch die Nachnamen der Schulkinder würden in Deutschland niemanden stutzig machen.

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Aber neben der Vorliebe für deutsche Volksmusik und den Schuhplattler-Tanzgruppen gibt es natürlich auch brasilianische Eigenarten, auf die wir stoßen und von denen wir bis heute begeistert (Kuchen und Grill-Spezialitäten), irritiert (Straßenverkehr) oder überrascht sind (man teilt sich hier einen großen Becher Caipirinha mit allen Gästen einer Feier). Generell wird hier sehr oft gefeiert, und das aus den kuriosesten Anlässen. So werden zum alljährlichen Bohnenfest riesige Töpfe mit Feijoada, einem traditionellen Bohneneintopf, gekocht und gemeinsam verspeist. Wir haben auch an dem Spaghettifest, dem Pastetenfest und dem Bierfest teilgenommen. Den Brasilianern ist ihr leibliches Wohl auf jeden Fall sehr wichtig. Auch der Patriotismus hier ist für uns Deutsche ungewöhnlich. Wir durften zum Unabhängigkeitstag am 7. September nicht nur vier Hymnen (eine für Brasilien, den Bundesstaat Santa Catarina, die Stadt Pomerode und die Hymne der Unabhängigkeit) hören, sondern auch den anschließenden Umzug anschauen, der nicht nur alle Schulen und Kindergärten nebst ihrer eigenen Trommelgruppe präsentierte, sondern auch zahlreiche Vereine und Sportclubs.

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Im Auftrag des Projektes sind wir aber nicht nur auf Spurensuche deutscher Einwanderer oder brasilianischer Einflüsse, sondern auch in den Schulen Pomerodes unterwegs. Überall, wo die deutsche Sprache unterrichtet wird, besuchen wir einzelne Klassen und Lehrer und schauen uns den Unterricht an. Dabei haben wir die absoluten Gegensätze erlebt: eine kleine Schule in den Bergen mit gerademal zwei Klassenzimmern und acht Schülern in der vierten und fünften Klasse bewahrt sich hier genauso das deutsche Erbe mit zwei Deutschstunden wöchentlich wie die bilinguale Schule mit über 600 Schülern, bei denen die speziellen Klassen zehn Stunden Deutsch in der Woche haben. Auch wenn sich das Niveau deutlich unterscheidet und wir uns oft ein zweites Mal – etwas langsamer – vorstellen müssen, so freuen sich die meisten Kinder doch offen über unseren Besuch. Wenn wir eine Schule noch einmal besuchen, werden wir fröhlich begrüßt, bekommen Umarmungen und kleine Basteleien. Am besten gefällt uns aber, dass die Kinder nebenbei den Beweis erbringen, dass zumindest kleine alltägliche Konversationen durchaus auf Deutsch funktionieren, selbst bei Kindern, die von zu Hause aus noch nie mit der Sprache in Berührung gekommen sind.

– Josefine

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