An alle Pomerode-Liebhaber und die, die es noch werden wollen

Hätte man mir vor einem halben Jahr erzählt, dass ich den März 2017 in Brasilien verbringen würde, hätte ich es vermutlich nicht geglaubt. Generell kommt mir das Ganze jetzt noch wie ein Traum vor. Durch Zufall stieß ich in einer meiner Prokrastinationsphasen in der Prüfungszeit Anfang Februar bei Facebook auf ein Praktikumsangebot des „Projeto bilingue com EMAU Greifswald“ für Studenten, die Deutsch auf Lehramt und Deutsch als Fremdsprache studieren. 6 Wochen Arbeit an einem Lehrerhandbuch in einer deutschsprachigen Schule in Pomerode, Brasilien hieß es darin, Flüge und Unterkunft sollten bis auf 100 Euro Selbstbeteiligung für Verpflegung vom Projekt übernommen werden. Mich packte sogleich die Sehnsucht. Ich hatte in meiner Schulzeit bereits ein Jahr in Südamerika, genauer gesagt in Argentinien, gelebt und war seit dem nicht mehr dort gewesen. Allerdings zweifelte ich ein wenig an meinen Qualifikationen, da ich in meinem DaF-Studium (ich hatte gerade das 5. Semester abgeschlossen) zwar schon einige Einheiten Unterrichtsplanung gehabt, aber selbst noch keine Erfahrung im Unterrichten hatte. Auf Gut Glück schrieb ich eine Mail an den Verantwortlichen des Projektes von der Uni und am 1. März saß ich im Flugzeug nach Brasilien und wusste eigentlich selber nicht so richtig wie mir geschah.

Wenn man als Deutscher nach Pomerode kommt, muss man auf den ersten Blick ein wenig schmunzeln und auch staunen. Hier stehen Fachwerkhäuser und Restaurants mit Namen wie „Tortenparadies“ und „Siedlertal“ ganz selbstverständlich zwischen exotischen Palmen und roter Erde. Die Menschen begrüßen einen freundlich mit „Moin“ und heißen mit Nachnamen Krüger oder Schroeder. Pomerode wird nicht zu unrecht „Nossa pequena Alemanha“ also „Unser kleines Deutschland“ genannt. Hier ist es irgendwie sehr deutsch und dann auch wieder gar nicht. Die perfekte Mischung zwischen deutscher und brasilianischer Kultur.

Das macht sich natürlich auch in der Sprache bemerkbar. Viele Menschen sprechen in Pomerode fließend Deutsch, allerdings haben die meisten davon noch nie einen Fuß nach Deutschland gesetzt. So haben sie sich über die Jahre ihr eigenes „Pomerode-Deutsch“ entwickelt, ein Dialekt, der vor Witz und Wärme nur so sprüht und wahnsinnig ansteckend ist. Ich habe am Ende meiner Zeit dort gemerkt, dass ich ganz automatisch viel vom Pomerode-Deutsch übernommen hatte.

Die Sprachen ist auch im Endeffekt der Grund, warum ich dort war. Durch die Lehrerhandbücher, die die Studenten der Uni Greifswald in ihrer Praktikumszeit in Pomerode anfertigen, soll der Deutschunterricht an den Schulen dort verbessert werden. Neben mir war noch ein weiter Student aus Greifswald an dem Praktikum beteiligt und in den 6 Wochen schafften wir es sowohl ein Lehrerhandbuch für die dritte als auch für die vierte Klasse anzufertigen. Wir arbeiteten jeden Tag vormittags und nachmittags in den am Projekt beteiligten Schulen oder Zuhause. Am Anfang hospitierte ich viel bei verschiedenen Lehrern um ein Gespür für den Unterricht und die Kinder zu bekommen. Das war für mich eine besonders schöne Erfahrung, da in der Uni meist nur mit erwachsenen DaF- oder DaZ-Lernern gearbeitet wird. In beiden Schulen, in denen ich war („Escola Básica Municipal Dr. Amadeo da Luz“ und „Escola Básica Olavo Bilac“), wurde ich sowohl von den Lehrern und den beiden Schulleiterinnen als auch von den Schülern mit großem Interesse und Freundlichkeit aufgenommen.

blogeintrag, carla, 1

Die Wochenenden gehörten dann ganz der Gastfamilie. Ich und der andere Student wurden von einer Deutsch-Lehrerin und ihrem Ehemann aufgenommen. Ranice und Jonas sprechen beide perfekt Deutsch und integrierten uns sofort in ihr Familienleben. Ob Geburtstagsfeste von Freunden, Grillpartys oder dem traditionellen sonntäglichen Familienessen bei den Eltern, überall durften wir mit. Dabei lernte ich nicht nur eine ganze Menge wunderbarer Menschen kennen, sondern probierte auch noch allerhand interessante Lebensmittel. Von in Zitrone eingelegtes Grillfleisch über Maniok bis hin zu Sternfrüchten versuchte ich alles. Besonders angetan hat es mir einer der Nachtische namens Sagu. Er besteht aus kleinen Maniokmehlkügelchen, die in Saft oder Rotwein mit Zucker und Gewürzen aufgekocht werden und fehlt eigentlich bei keinem Essen in Pomerode. Wenn man ihn zum ersten Mal isst, erinnert er ein bisschen an aufgeweichte Gummibärchen, aber nach einiger Zeit ist man süchtig. Naja, ich auf jeden Fall. Ich könnte mich da reinlegen so lecker ist der. Leider habe ich Maniokmehlkügelchen in den deutschen Supermärkten bis jetzt noch nicht gefunden.

Ich hatte auf jeden Fall sehr viel Glück mit meiner Gastfamilie und konnte viele schöne Erinnerungen von gemeinsamen Besuchen im Zoo, auf dem Osterfest, in der „Casa Do Imigrante“ oder einfach vom abendlichen Kartenspielen auf der Terrasse mit nach Deutschland nehmen.

Ein kleiner Pluspunkt waren natürlich auch die sommerlichen Temperaturen. Im März ist es in Brasilien zwar schon Herbst, aber für deutsche Verhältnisse eher Hochsommer. Wenn man morgens draußen am Frühstückstisch sitzt und die Colibris und andere besonders liebenswerte kleine dicke gelbe Vögelchen um einen herumschwirren, kann man eigentlich nur gute Laune haben. Da konnte ich sogar fast meine gefühlt 1000 Mückenstiche vergessen.

Viel zu schnell waren die 6 Wochen dann auch wieder vorbei. Meine Gasteltern brachten mich zum Flughafen in Curitiba, von wo mein erster Flug starten würde und mein einziger Trost war, dass mich in Deutschland der Frühling erwartete.

Zum Schluss will ich noch sagen, dass man in Pomerode wirklich gemerkt hat, dass das Projekt als etwas sehr Gutes und Wichtiges angesehen wird und das ist es ja auch. Viele Menschen wirken dabei mit und unterstützen es, deswegen möchte ich hier auch nochmal einen besonderen Dank an die brasilianische Koordinatorin Ranice Dulce Trapp, an Ivan Blumenschein, die Bildungssekretärin Neuzi Schotten und natürlich den Bürgermeister von Pomerode, Ercio Kriek aussprechen, die mich alle sehr herzlich empfangen haben und dabei mithelfen, dass es dieses Projekt hoffentlich noch lange so erfolgreich gibt.

blogeintrag, carla, 2

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s